Dienstag, 30. April 2019

Haymarket 1886, Heumarkt 2019

Morgen ist der 1 Mai: Tag der Arbeit. Die Teilnahme an einer Mai-Kundgebung gehört bei uns zur Familientradition. Es ist eine Tradition, die ich aus Überzeugung pflege. Es würde mich freuen, wenn wir sie an unsere Kinder weitergeben könnten.

Auf Beschluss der Zweiten Internationalen demonstrierten am 1. Mai 1890 international Arbeiter für einen acht Stundentag. Der Aktionstag war ein großer Erfolg und seitdem wird der Internationale Kampftag der Arbeit jährlich begangen. Mit der Wahl des 1. Mai als Termin für die Demonstrationen wollte die zweite Internationale auch an die Maiproteste und die „Haymarket affair“ im Jahr 1886 in Chicago erinnern. Dort hatten sich im Anschluss an einen Generalstreik für die Einführung des Achtstundentages am 1. Mai an den folgenden Tagen zehntausende Arbeiter an Streiks, Demonstrationen und Kundgebungen beteiligt. Am dritten Tag der Proteste feuerte die Polizei anlässlich eines Handgemenges zwischen Streikbrechern und streikenden Arbeitern in die Menge und tötete dabei zwei Arbeiter. Am nächsten Tag versammelte sich eine große Menge zu einer friedlichen Kundgebung auf dem Haymarket. Am späten Abend wollte die Polizei die Kundgebung beenden. Dabei kam es zu einem Bombenanschlag auf die Polizei und eine anschließenden Schusswechsel mit Toten und Verletzen auf beiden Seiten. Der Bombenwerfer konnte nicht dingfest gemacht werden. An seiner Stelle wurde acht führenden Köpfen des Streiks der Prozess gemacht. Die Anklage beschuldigte sie einer Verschwörung, da sie die Person, die die Bombe geworfen hat, nicht aktiv von seinem Tun abgehalten hätten. Die Jury befand alle Angeklagten für schuldig. Der Richter verurteilte sieben von ihnen zum Tode und fünf wurden hingerichtet. Bei Zweien hat der Gouverneur die Strafe in lebenslänglich geändert. Ein Verurteilter nahm sich am Tag vor der Hinrichtung das Leben.

Zum ersten Jahrestag der Haymarket affair veröffentlichet die New York Tribune ein Interview mit Senator Leland Stanford, in dem der Senator feststellte, dass sich der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit verschärft. Das Fortbestehen dieses Konflikts ins Bewusstsein zu rufen, ist für mich ein wesentlicher Aspekt bei den Demonstrationen und Kundgebungen zum 1. Mai. Zwar sind wir von offenem Klassenkampf weit entfernt. Doch auch bei bestehender Sozialpartnerschaft haben Arbeit und Kapital unvereinbare Interessen. Kapital will hohe Rendite, Arbeit will überschaubare Arbeitszeiten und auskömmliches Gehalt für ein lebenswertes Leben. Die Arbeiterbewegung hat in den entwickelten Ländern eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreicht. Aber in den letzten Jahrzehnten musste sie einige Rückschläge hinnehmen, so in einigen Sparten längere Arbeitszeiten und eine äußerst bescheidene Entwicklung der Reallöhne. Die Einkommen aus Vermögen hingegen haben ihren Anteil gut behaupte, bzw. etwas gesteigert. Wie diese Grafik zeigt:


Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, IMK Report Nr. 129, 2017.

Im öffentlichen Bewusstsein ist diese Machtverschiebung zugunsten des Besitzes nur unzureichend verankert. Bei der Berichterstattung über Einkommensunterschiede werden gerne hohe Managergehälter skandalisiert. Von den teilweise exorbitanten Dividendenzahlungen an Großaktionäre - neben denen die Vorstandgehälter wie Taschengeld wirken - wird kaum berichtet. Es gibt noch nicht mal eine zuverlässige Statistik zu den Einkünften aus Kapitalvermögen, die ein realistisches Bild davon zeichne, wie erfolgreich sich das Kapital Renditen sichert. In dieser Situation hat die Traditionsveranstaltung „Tag der Arbeit“ aktuelle Bedeutung. Deshalb auch morgen wieder: Raus zum 1. Mai! auf den Kölner Heumarkt.

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