Katholischer Philosophieprofessor wettert gegen #FridaysForFuture und Klimaforschung
Ein bemerkenswert manipulatives Pamphlet hat die Weltwoche am Mittwoch, den 10.4.19 veröffentlicht: Martin Rhonheimers „Hört nicht auf die Klimapopulisten!“. Rhonheimer ist Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Anlässlich der #FridaysForFuture- Demonstrationen geht er auf Hans Joachim Schellnhube, den ehemaligen Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), und andere angebliche „Klimapopulisten“ los. Schellnhube hatte die Proteste vor allem junger Menschen begrüßt. In einem Fernsehinterview sagte er, es passiere möglicherweise etwas historisch Einmaliges: „Es gibt einen Schulterschluss zwischen der Wissenschaft und den Kindern und Jugendlichen.“ Dies bringt Rhonheimer auf die Barrikaden und lässt ihn zum groben Keil greifen. Schellnhube mische sich in die Aufgaben der Politik ein und verletzte so das Gebot der Wertneutralität der Wissenschaft. Durch das Vorantreiben einer politischen Agenda, setzte er seine Wissenschaft bzw. seine Wissenschaftsinstitution dem Verdacht aus, „nichtwissenschaftlichen, insbesondere politischen Interessen zu dienen“.
Weiter sei es ein Täuschungsmanöver, zu suggerieren, Wissenschaft würde nun Unterstützung durch eine neue, von ihr gänzlich unabhängige Kraft erhalten: durch die Kinder und Jugendliche. Denn die Ansichten und Ängste dieser Kinder und Jugendlichen bildeten diese nicht auf selbstgewonnenen Einsichten zum Klimawandel und zu dessen Gefahren. Sie würden ihnen vielmehr von ebendieser „politisch organisierten Wissenschaft“ und von deren gesellschaftlichen Multiplikatoren, von klein auf eingetrichtert.
Diese Argumentation ist so schief, man weiß gar nicht wo man anfangen soll. Deshalb von vorne nach hinten:
- Rhonheimer verschweigt, dass Professor Schellnhube im weiteren Verlauf des Interviews explizit benennt, was er mit dem Schulterschluss meint. Er sagt: „Jetzt passiert etwas Besonderes: Die jungen Leute berufen sich auf die Ergebnisse der Forschung.“ Hieraus einen Verstoß gegen die Wertneutralität abzuleiten, ist abenteuerlich. Denn die Forderungen sind nicht irgendwie in die Forschungsergebnisse reingeschummelt, sondern werden von den Kindern und Jugendlichen erhoben. Und dass politische Forderungen mit dem Hinweis auf Forschungsergebnisse begründet werden, ist nur vernünftig.
- Das Gebot der Wertneutralität betrifft zudem ausschließlich die Forschung. Es zielt nicht auf die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die als Bürger natürlich das Recht haben, ihre politischen Ansichten auszudrücken. Es betrifft auch nicht die Wissenschaftsinstitutionen, dies selbstverständlich ihre Interessen vertreten dürfen.
- Es ist absurd, die genannten Vorwürfe ausgerechnet gegen das Potsdamer Institut und seine Mitarbeit am Intergovernemental Panel on Climate Change (IPCC) zu erheben. Das IPCC wird von 195 Regierungen getragen. Es ist eingerichter worden, um für politische Entscheidungsträger den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammenzufassen mit dem Ziel, Grundlagen für wissenschaftsbasierte Entscheidungen zu bieten. Die Hauptaufgabe ist es dabei, die naturwissenschaftlichen Grundlagen und den weltweiten Forschungsstand über die Auswirkungen des Klimawandels und seine Risiken sowie Minderungs- und Anpassungsstrategien zusammenzutragen und aus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten. Also macht es Rhonheimer es den beteiligten Klimaforscherinnen und Klimaforschern zum Vorwurf, dass sie ihre Arbeit entsprechend ihrem Auftrag machen.(Siehe: Wikipedia)
- Der nächste Kracher ist der Vorwurf, interessierte Kreise hätten den Kindern und Jugendliche die Angst vor den Folgen des Klimawandels eingetrichtert. Dies sei der eigentliche Grund für die Proteste und nicht „selbstgewonnenen Einsichten zum Klimawandel“. Es bleibt das Geheimnis des Autors, Kinder und Jugendliche selbst Einsichten zu Klimawandel gewinnen sollen. Dann müssten sie ja Klimaforscher sein (und würden sich Verdächtig machen, wenn sie demonstrieren). Klima kann man nicht wahrnehmen, sondern nur Wetter. Aber die Kinder und Jugendlichen haben eine Rekordtemperaturen und eine außergewöhnliche Dürre im Jahr 2018 wahrgenommen. Sie haben deshalb gute Gründe, für ihre Forderung, dass Klimaschutz eine höhere Priorität haben muss.
Nach weiteren Verdächtigungen gegen die Klimaforschung und dem wenig überraschenden Versuch, Umweltschutz und Wohlstand gegeneinander auszuspielen. Schließt Rhonheimer seine bornierte Polemik mit dem Rat, die Kinder und Jugendlichen sollten in die Schule gehen, „um zuerst einmal zu lernen, wie man mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten umgeht“. Gerne erwidere ich dies mit der Aufforderung an den Philosophieprofessor, in die Bibliothek zu gehen und die Grundlagen der logischen Schlussfolgerungen zu studieren.
CC BY-NC-SA 3.0 DE
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