Dienstag, 17. September 2019

Was tun in der Klimakrise? – Zeigen was möglich ist

„Was soll ich tun?“ Die zweite der Kantschen Fragen ist angesichts der menschgemachten Klimaerwärmung eine schwierige. Tradierte ethische Leitlinien scheinen ungeeignet zu sein, um unter diesen Umständen als Orientierung für das Handeln als Individuum zu dienen. Der Sache nach ist für den Kampf gegen die Klimaerwärmung nur der Einfluss des Handelns auf die Konzentration von Treibhausgasen auf die Atmosphäre von Bedeutung. Doch der Einfluss eines Einzelnen ist hierbei angesichts von gut 7 Milliarden Mitmenschen in aller Regel vernachlässigbar. Ein ökologisch gewendetes Analogon zum Handlungsutilitarismus greift hier deshalb nicht. Auch eine Orientierung an Regeln, wie sie z.B. dem Konzept der Klimagerechtigkeit entnommen werden können, ist hier ungeeignet. So scheitert man beim Versuch, freiwillig ein individuelles Emissionsbudget zu berücksichtigen, in den entwickelten Industrienationen an der normativen Kraft des Faktischen. Hier sind die Emissionen der öffentlichen Infrastruktur so hoch, dass ein Einzelner durch Anpassung seiner individuellen Lebensführung die Emission von 2t CO2-Äquivalent pro Kopf nicht erreichen kann.

Wer sich über diese sehr eingeschränkten Möglichkeiten zum wirksamen Handeln Rechenschaft ablegt, könnte aus Frust und Ohnmachtsgefühl den Vorsatz zum Engagement für den Klimaschutz fallen lassen. Doch diese Resignation muss aber nicht sein. Denn es gibt Auswege aus der Ohnmacht. Einer besteht darin, die Bekämpfung der menschgemachten Klimaerwärmung als eine Aufgabe des politischen Handelns zu begreifen. Jeder Einsichtige ist eingeladen, sich in diesem Sinne in politischen Organisationen zu engagieren und an öffentlichen Aktionen teilzunehmen. Zum anderen kann sich jeder dabei beteiligen, Wege und Mittel zu erkunden, mit denen im Alltag der Ressourcenverbrauch gesenkt und mit den Klimaänderungen umgegangen werden kann. Was sich hierbei bewährt, kann dann jeder als exemplarisches Handeln öffentlich machen.

Den Ausdruck „exemplarisches Handeln“ habe ich erstmals in der Ankündigung der evangelischen Kirche, ein Schiff zur Seenotrettung ins Mittelmeer zu schicken, gehört. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte dazu am 12.September in Berlin. „Es ist mehr als Symbolik, es geht um exemplarisches Handeln. Es werden Menschen im Mittelmeer gerettet.“ Der Ausdruck erscheint mir auch im Zusammenhang mit der Klimaproblem passend. Es geht dabei darum, einen Effekt zu erzielen, auch wenn er für sich genommen klein ist. So deshalb geht man über das rein symbolische Handeln hinaus. Dabei reflektiert der Ausdruck, die relative geringe Wirkung, die unmittelbar erzielt werden kann. Wirksamkeit gewinnt das Handeln dadurch, dass es als Beispiel von anderen angenommen wird. Im intimen Feld der persönlichen Lebensführung scheint mir dieser Ansatz angemessener als der moralische Appell mit erhobenem Zeigefinger. Denn beim exemplarischen Handeln beurteilt man nicht, was richtig oder falsch ist. Hier ist der Anspruch bescheidener: Man zeigt, was möglich ist.

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